Profitieren von altersgemischten Gruppen

Leben und lernen in altersgemischten Gruppen

In immer mehr Kindergärten und Schulen setzt sich das Prinzip altersgemischter Gruppen durch – denn dass Groß und Klein zusammen lernen, hat viele Vorteile.

Wenig Kinder, k(l)eine Klassen

Woher kommt eigentlich die Idee, Kinder verschiedener Altersstufen zusammen lernen zu lassen? Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf unsere Geschichte naheliegend. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an die kleine Schule aus der Fernsehserie „Unsere kleine Farm“. Dort konnten wir den Mädchen der Ingalls-Familie zusammen mit anderen Kindern unterschiedlicher Jahrgänge beim Lernen zuschauen. Da es in der Ödnis nur wenige Kinder gibt, werden diese zusammen unterrichtet und vom Lehrer mit unterschiedlichen Aufgaben betraut.

Dieses Bild spiegelt nicht nur die Wild-West-Romantik Hollywoods wider, auch in europäischen Dörfern war das altersgemischte Lernen in der Volksschule durchaus gängig. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden mit einer umfassenden Reformierung des Schulsystems nach Jahrgängen getrennte Klassen eingeführt. Heutzutage findet man das jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) eher in nicht-staatlichen Schulen oder Modellklassen – und ist dabei oft heftiger Kritik ausgesetzt.

Altersmischung in der Kita

In Kindertagesstätten ist es dagegen seit jeher üblich, dass Kinder verschiedenen Alters zusammen eine Gruppe bilden. Wo Drei- bis Sechsjährige zusammen spielen, basteln und singen, spricht man von der „kleinen Altersmischung“. Vielerorts hat sich in den letzten Jahrzehnten die „erweiterte Altersmischung“ (eAM) durchgesetzt. Damit werden verschiedene Konzepte bezeichnet, zum Beispiel die Aufnahme von Zweijährigen in den Kindergarten oder eine Verknüpfung von Kindergarten- und Hortgruppen. In manchen Kinderhäusern können die Kleinen so bis zu ihrem zehnten oder zwölften Lebensjahr von ihrer Bezugserzieherin weiter betreut werden. Das gibt nicht nur Sicherheit und Stärke, es hilft den Erstklässlern auch, sich auf den neuen Schulalltag zu konzentrieren.

Vorteile altersgemischter Kita-Gruppen

Doch das heterogene Lernen bietet noch viel mehr Vorteile. Ein Altersmix entspricht dem Leben, ob auf der Arbeit oder im Sportverein – nur selten bewegen wir uns in einer altershomogenen Gruppe. Auch die Kinder kennen das bereits durch ältere oder jüngere Geschwister, Nachbarskinder oder weitere Verwandtschaft. Wird dieses Modell auf die Kindertagesstätte übertragen, werden die Kleinen ideal auf das spätere Leben vorbereitet.

Ältere Kinder werden automatisch zum Vorbild für die Kleinen. Dadurch sind die Großen rücksichtsvoller und hilfsbereiter, sie lernen Einfühlungsvermögen und übernehmen Verantwortung. Die Jüngeren schauen sich dagegen von den Großen ab, wie man Konflikte löst. Sie lernen, zusammenzuarbeiten, statt sich um dieselben Spielsachen zu streiten. So entstehen tiefe Freundschaften zwischen den Kindern, die auch längerfristig halten, da sie nicht durch einen Einrichtungswechsel oder den Schuleingang unterbrochen werden.

Ein weiterer Pluspunkt für Altersmischung ist die Berücksichtigung von Geschwistern. Diese können zusammen eine Gruppe in der gleichen Einrichtung besuchen, was den Eltern nicht nur Fahrzeit erspart. Oft klappt auch die Eingewöhnung beim jüngeren Kind viel besser, wenn der große Bruder als Fels in der Brandung dabei ist. Einzelkinder finden in der Gruppe oft ältere „Ersatz-Geschwister“, die ihnen Sicherheit bieten. Außerdem sind altersgemischte Gruppen wichtig für den Spracherwerb und andere Entwicklungsanreize der Minis.

Eltern und Erzieher profitieren von altersgemischten Gruppen

Für die Erwachsenen bietet die Altersmischung ebenso viele Vorteile. Die Erzieherinnen müssen nicht jährlich Kinder verabschieden oder neue eingewöhnen, sie haben so mehr Zeit, sich auf „ihre“ Kinder einzulassen und zu ihrer Entwicklung beizutragen. Das Zusammenspiel von Eltern und Pädagogen wird  dadurch intensiver, was sich auch im Engagement der Erziehungsberechtigten niederschlägt. Die Erzieherinnen haben außerdem vielfältigere Möglichkeiten, die Betreuungszeiten zu gestalten. Dazu braucht es Flexibilität und eine kreative Planung des Tagesgeschehens.

„Altersgemischte Gruppen dürfen nicht zu groß sein,“ warnt der Psychologe Prof. Dr. Rainer Dollase von der Universität Bielefeld. Außerdem schlüsselt er die Herausforderungen an den Träger auf: Die Gruppenräume müssen entsprechend gestaltet sein, um sowohl Kleinkinder als auch Grundschüler anzusprechen. Dazu braucht es unterschiedliche Materialien und Angebote, aber auch eine entsprechende Raumgröße mit Rückzugsmöglichkeiten oder Arbeitszonen. Denn wer will schon gerne eine knifflige Mathe-Aufgabe lösen, während ein Zweijähriger laut singend um den Tisch rennt?

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