Tagesablauf in einem Waldkindergarten

Der Waldkindergarten ist noch relativ unbekannt

Heute gibt es zahlreiche Formen von alternativen Kindergärten. Am bekanntesten sind die Waldorf- oder die Montessorikindergärten. Eine weitere aber weniger bekannte Alternative ist der Waldkindergarten.

Das Kindsein hat sich stark verändert. Als wir früher jung waren, streiften wir mit unseren Freunden durch die Natur oder die Straßen und Parks der Stadt. Wir entdeckten an jeder Ecke unserer Umgebung etwas Interessantes, Überraschendes oder Neues, mit dem wir uns stundenlang mithilfe unserer eigenen Fantasie beschäftigten konnten. Drin spielten wir nur, wenn das Wetter richtig schlecht war. Heute sitzen unsere Kinder meistens alleine in ihren Zimmern und beschäftigten sich mit ihren Spielsachen, dem Computer oder sie gucken Fernsehen. Das Haus verlassen sie nur, um an durchgeplanten Nachmittagsprogrammen teilzunehmen. Erkundungen draußen finden selten statt. Die Entdeckung der natürlichen Lebensräume und Wohnumgebung beschränkt sich auf das Minimalste wie den Weg zur Schule. Gespielt wird nur noch in didaktisch angeleiteten und pädagogisch sinnvollen Arrangements, hergestellt und überwacht von den Eltern oder Erziehern. Unseren Kindern sind dadurch wichtige Erfahrungen verwehrt wie die Auslotung der körperlichen Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit, die Herstellung von selbst gebauten, aus einfachen Materialen bestehendem Spielzeug oder die Erfahrung, Urheber ihrer Handlungen zu sein. Waldkindergärten bieten Kindern die Chance dies alles wieder zu erleben, da der Wald ein freier Entwicklungsraum für sie ist.

Ursprünge der Waldpädagogik liegen in Skandinavien

Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, sind jeden Tag draußen in der Natur an der frischen Luft und dies bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Das Konzept, dass Kinder im Einklang mit der Natur Spielen und Lernen, erfreut sich bei Eltern immer größerer Beliebtheit. Ursprünglich stammt die Waldpädagogik aus Schweden. Bereits 1892 bildete sich eine Organisation, welche ganzjährig naturpädagogische Aktivitäten für Kinder jedes Alters anbot. Mitte des 20. Jahrhunderts bildete sich in Schweden die erste Kindergartengruppe. 30 Jahre später wurde die Waldpädagogik in Dänemark weiterentwickelt und es entstand dort eine erste Waldkindergartengruppe. In Deutschland wurde diese Art der Naturpädagogik sehr spät anerkannt, denn erst 1993 wurde in Flensburg der erste staatlich genehmigte Waldkindergarten eröffnet.

Unterschiede zwischen Waldkindergarten und Regelkindergarten

Die Reinform des Waldkindergartens unterscheidet sich sehr von den bekannten Regelkindergärten. Der auffallendste Unterschied besteht darin, dass die Waldkindergärten kein festes Gebäude besitzen, sondern nur eine Schutzhütte oder ein Bauwagen zur Verfügung steht, falls das Wetter allzu widrig ist. Die Kinder spielen ansonsten bei jedem Wetter an der frischen Luft und können somit den jahrzeitlichen Wechsel in der Umgebung hautnah mit allen Sinnen miterleben. Auch die Betreuungszeiten sind an die Jahreszeiten angepasst. So besuchen die Kinder im Sommer vier bis sechs Stunden den Kindergarten und im Winter verkürzt auf bis zu nur drei Stunden. Der Aktions- und Bewegungsraum ist in Waldkindergärten bedeutend größer als in den regulären Kindertageseinrichtungen mit ihren geschlossenen Gebäuden. Unsere Kinder können in einem Waldkindergarten somit ihrem natürlichen Bewegungsdrang frei ausleben. Der Wald als Erlebnisraum fördert durch seine natürliche Beschaffenheit viele Kompetenzen der Kinder, besonders die Grob- und Feinmotorik wird geschult. Regelkindergärten können so etwas ohne großen Aufwand nicht bieten. Die natürliche Umgebung in einem Waldkindergarten stärkt das Immunsystem und fördert das körperliche wie auch seelische Wohlbefinden. Die Kinder können sich ausleben, ihren Emotionen freien Lauf lassen und entwickeln nebenbei ein positives Verhältnis zur Natur. Ein großer Unterschied besteht auch in der Verwendung von Spielzeug. In Regelkindergärten gibt es viele verschiedenartige Spielsachen. Im Waldkindergarten gibt es keine herkömmlichen fabrikproduzierten und vorgefertigten Spielzeuge, sondern den Kindern dient alles im Wald als Spielzeug oder sie stellen es selbst her. Die Fantasie, Selbstständigkeit und Kreativität werden dadurch besonders gefördert. Obwohl der Wald ein riesiges Spielfeld bildet, ist die Gruppenstärke in einem Waldkindergarten niedriger als im Regelkindergarten. Die Erzieher haben somit für jedes einzelne Kind mehr Zeit. In allen weiteren Punkten wie Organisation, Integration und Elternbeiträgen ähneln sich die beiden Kindergartentypen.

Tagesablauf in einem Waldkindergarten

Der Waldkindergarten ist ein Halbtagskindergarten. Die Erzieherinnen betreuen die Kinder nur am Vormittag. Der Tag in einem Waldkindergarten beginnt draußen an einem festen Treffpunkt. Das kann ein markanter Punkt im Gelände, ein festes Gebäude oder auch im Wald direkt sein. Wenn alle Kinder da sind, folgt der Morgenkreis. Bei dieser Begrüßungsrunde werden Fragen gestellt, Gespräche geführt, Lieder gesungen, Gedichte aufgesagt und Spiele gespielt. Anschließend entscheiden die Erzieherinnen und die Kinder gemeinsam, wo die Gruppe im Wald den Tag verbringt und was unternommen wird. Danach laufen die Kinder zu dem vereinbarten Ort. An diesem findet das gemeinsame Frühstück statt. Anschließend können die Kinder im Freispiel wie und was sie möchten tun. Ihrer Kreativität wird freien Lauf gelassen. Die Pädagogen begleiten die Kinder dabei, indem sie Anregung und Unterstützung geben, wenn Bedarf besteht. Sie greifen aber in die kindlichen Spielprozesse nicht ein. Nach dieser Phase folgt die Projekt- und Aktionszeit, in welcher Projekte/ Aktionen zu bestimmten Themen im gemeinsamen Prozess schrittweise entwickelt und durchgeführt werden. Nach Beendigung gehen alle gemeinsam zum Treffpunkt zurück, an welchem der Abschlusskreis stattfindet. Er ist eine gemeinsame Rückschau darüber, was an dem Tag schön war, was nicht so schön war, welche Ergebnisse erreicht worden sind, was nicht gelungen ist und worüber sich die Kinder vielleicht geärgert haben. Die gemeinsame Planung für den darauffolgenden Tag findet hier ebenfalls statt. Zum Schluss folgt die Verabschiedung mit einem Lied oder Spiel.

Unterschiedliche Formen des Waldkindergartens

Die am weitesten verbreitete Form des Waldkindergartens ist die sogenannte klassische bzw. reine Form, bei welcher die Kinder den gesamten Vormittag in einem bestimmten, abgegrenzten Waldgebiet verbringen. Eine zweite Form ist der integrierte Waldkindergarten, dabei ist das Konzept des Waldkindergartens in den Regelkindergarten integriert. Die Kinder aus verschiedenen Gruppen können an einer täglich stattfinden Waldgruppe wahlweise teilnehmen oder es gibt eine feste Waldgruppe mit wöchentlichem oder monatlichem Wechsel der Mitglieder. Auch ist es möglich, dass die Kinder vormittags den Waldkindergarten besuchen und nachmittags den Regelkindergarten. Eine Mischform zwischen beiden Konzepten besteht, wenn der Regelkindergarten nur einmal in der Woche stattfindende Waldtage oder nur Projekte und Exkursionen zum Thema Wald anbietet. Sonderformen der Naturpädagogik sind, wenn das Konzept des Waldkindergartens auf andere natürliche Umgebungen angewandt wird. So gibt es an den Küsten häufig Strandkindergärten, in denen unsere Kinder die Landschaft am Meer erleben können. In Farmkindergärten können die Kinder Erfahrungen mit unterschiedlichen Tieren sammeln. Bei Naturkindergarten gehen nicht die Kinder in die Natur, sondern die Natur kommt zu ihnen in die Kindertageseinrichtung, indem auf deren Gelände Biotope, Wasserstellen, Wiesen oder ein Gemüsegarten angelegt werden.

Waldkindergärten stellen eine große Bereicherung für die Kindergartenlandschaft da und sie werden bei uns Eltern immer beliebter. Sie ermöglichen unseren Kindern, die Natur mit allen Sinnen zu erfahren. Der Aufenthalt an der frischen Luft zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter stärkt die Gesundheit. Der Erlebnisraum Wald fördert die Kreativität, das Fantasievermögen, die Motorik und andere Kompetenzen.

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