Spielzeugfreies Kinderzimmer als Erfolgskonzept

Spielzeugfreies Kinderzimmer: Mit Fantasie der Drogensucht vorbeugen

Drogenmissbrauch und Kinderzimmer – zwei Worte, die nicht zusammen passen? Wir erklären, was ein spielzeugfreies Kinderzimmer mit Suchtprävention zu tun hat und wie auch du es zu Hause einrichten kannst.

Spielzeugfreies Kinderzimmer – So entstand die Idee

Ursprünglich findet Spielzeugfrei nicht zu Hause statt, sondern im Kindergarten. 1992 entwickelten Elke Schubert und Rainer Strick im bayerischen Landkreis Weilheim-Schongau das Konzept des spielzeugfreien Kindergartens. Ausgangspunkt dafür war ein Suchtarbeitskreis und die Frage, ob man schon im Kindergartenalter den Grundstein für die Vermeidung von späterem Drogen– oder Alkoholmissbrauch, aber auch anderen Süchten, legen kann. Gemeinsam mit einem Kindergarten entstand so ein Modell, dass sich zur Idee „spielzeugfreies Kinderzimmer“ weiter entwickelte.

Bedürfnisse kennenlernen durch ein spielzeugfreies Kinderzimmer

Doch was hat ein spielzeugfreies Kinderzimmer, bzw. ein solcher Kindergarten, mit Suchtprävention zu tun? Die Idee ist so einfach, wie genial: Es liegt auf der Hand, dass viele Erwachsene zu Alkohol und Drogen greifen, um sich abzulenken, negative Gefühle zu verdrängen oder auch schlichtweg aus Langeweile.

Oft haben diese Menschen im Kindesalter nicht gelernt, Mechanismen zur Bewältigung von Langeweile oder negativen Gefühlen zu entwickeln. Für die sogenannte Lebenskompetenzförderung ist es aber wichtig, Kindern Freiräume zu lassen. Nur so können sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen oder Bewältigungsstrategien aufbauen.

Das Konzept Spielzeugfrei geht davon aus, dass zu viele Spielsachen diese Freiräume einschränken und so einen negativen Einfluss auf diese kindliche Entwicklung nehmen. Dabei geht es vor allem um die immer wieder neu gekauften Spielsachen, mit denen sich unbefriedigte Bedürfnisse im wahrsten Wortsinn überspielen lassen. Man kann sich vorstellen, dass Kinder, die immer wieder etwas Neues haben wollen, wenn ihnen langweilig ist, im Erwachsenenalter zu übermäßigem Konsumgüterkauf oder auch sogar zur Kaufsucht neigen.

Umsetzung des Modells „Spielzeugfreier Kindergarten“

Damit die Freiräume der Kinder gewahrt bleiben, schlägt das Spielzeugfrei-Modell vor, für einen bestimmten Zeitraum alle Spielsachen aus den Gruppenräumen zu verbannen. So sollen die Kleinen lernen, wieder ihre Fantasie zu benutzen, statt mit den Spielsachen in vorgegebenen Bahnen zu spielen. Für die Dauer von drei Monaten werden die Zimmer also freigeräumt, sodass schließlich nur noch das Mobiliar vorhanden ist.

Außerdem wechseln die Erzieherinnen in dieser Zeit ihre Rollen. Anstatt den Kindern vorschnelle Lösungen anzubieten, sie mit Basteleien oder Malzeug zu beschäftigen, sollen sie sich aus dem Gruppengeschehen zunächst heraus nehmen und mehr die Rolle der Beobachterin einnehmen. Dieser Punkt ist wichtig, damit die Kinder lernen, wirklich selbst ihre Langeweile zu bewältigen und nicht eine andere Person als „Animateurin“ zu brauchen.

Ein anderer wichtiger Punkt bei der Durchführung des Modells ist die Kommunikation. Einfach alle Spielsachen wegzuräumen, wäre den Kindern gegenüber ziemlich gemein. Es ist deshalb wichtig, dieses Projekt gründlich vorzubereiten und mit den Kindern zu besprechen. Das gilt auch, wenn du dich für ein spielzeugfreies Kinderzimmer entscheidest.

Spielzeugfrei als Erfolgskonzept

In den letzten 25 Jahren hat das Modell des spielzeugfreien Kindergartens große Erfolge gefeiert. Unzählige Kitas in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz haben bereits ein solches Projekt durchgeführt. Außerdem hat das Konzept „Spielzeugfreier Kindergarten“ mehrere internationale Auszeichnungen gewonnen. Kein Wunder also, dass viele Eltern auch ein spielzeugfreies Kinderzimmer bei sich zu Hause einrichten.

Dabei fällt auf, dass beim Austausch in den sozialen Medien aber kaum vom Aspekt der Suchtprävention gesprochen wird. Klar, in Foren und Facebook-Gruppen schreiben fast alle spielzeugfreien Eltern, dass sie sich für diesen Weg entschieden haben, um der Masse an Spielsachen und dem Konsumgüterüberfluss Einhalt zu gebieten. Meistens steht aber dennoch die kindliche Fantasie im Mittelpunkt.

So funktioniert ein spielzeugfreies Kinderzimmer

Wie sieht also so ein spielzeugfreies Kinderzimmer aus? Grundsätzlich muss man festhalten, dass der Begriff etwas irreführend ist. Im Gegensatz zu dem radikalen Schnitt aus dem spielzeugfreien Kindergarten, wirklich alle Spielsachen zu entfernen, geht es im häuslichen Umfeld eher um eine Reduzierung.

Darum steht in den meisten Haushalten erst mal das große Ausmisten an. Das ist auch für die Kinder wichtig, denn das Spielzeug sollte nicht einfach über Nacht verschwinden. Vielmehr sollte dem Nachwuchs Raum gegeben werden, sich von nicht mehr genutzten Dingen zu verabschieden. Zum Schluss bleiben bei den meisten Familien vor allem Puzzles und Bücher, aber auch vielseitig einsetzbare Gegenstände wie Bausteine und Tücher übrig. Diese nutzen die Kleinen dann zum Bauen von Buden oder Höhlen, das Kinderbett wird zum Piratenschiff und die Bausteine können zu bunten Städten mit hohen Türmen werden. Durch ein spielzeugfreies Kinderzimmer wird die Fantasie neu beflügelt und ihr sind keine Grenzen mehr gesetzt.

Was hat ein spielzeugfreies Kinderzimmer mit Montessori zu tun?

Liest man sich in den Elterngruppen auf sozialen Netzwerken etwas tiefer in die Materie ein, fällt einem die besondere Nähe zur Reformpädagogik auf. Viele Eltern gestalten ihr spielzeugfreies Kinderzimmer angelehnt an die Pädagogik von Maria Montessori, Emmi Pikler oder der Waldorf-Bewegung. Bei allen Ansätzen ist das Freispiel, bzw. in Schulen dann die Freiarbeit, eine der Hauptsäulen.

So ist es kein Wunder, dass sich in vielen spielzeugfreien Kinderzimmern ein Pikler-Dreieck oder Waldorf Spielständer finden lassen. Diese fördern nicht nur das individuelle Spielen, sondern auch die Motorik. Gerade für Kinder mit hohem Bewegungsdrang ist das Kletterdreieck eine sinnvolle Anschaffung. Ein weiterer Pluspunkt dieser Gegenstände ist auch, dass die Spielsachen nicht langweilig werden. Sie sind also auch für Kinder jeden Alters geeignet. Oft schreckt der hohe Preis viele Eltern ab, wenn man aber bedenkt, dass Kinder rund zehn Jahre mit ihnen spielen können, lohnt sich die Anschaffung alle mal.

Spielzeugfreies Kinderzimmer – besser geht es nicht

Ein spielzeugfreies Kinderzimmer bietet unterm Strich also nur Vorteile. Man spart durch die reduzierten Spielsachen bares Geld. Es herrscht auch weniger Chaos in der Wohnung. Gleichzeitig fördert man seine Kinder auf mehrere Arten: Fantasie, Motorik und Lebenskompetenzen werden geschult. Darüber hinaus ist ein spielzeugfreies Kinderzimmer ein wichtiger Baustein für die Suchtprävention.

Du willst es auch mal ausprobieren? Viele Familien starten erst mal mit einem spielzeugfreien Tag pro Woche, bevor sie einen Dauerzustand daraus machen. Du wirst aber merken, dass auch dieser eine Tag deinem Kind bereits gut tun wird.

 

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