Das Geheimnis schlafender Babys

Das Geheimnis schlafender Babys

Voll gestellte Regale in den Buchhandlungen zeigen es: Für kaum ein Thema gibt es so viele Eltern-Ratgeber wie zum Schlaf von Babys und Kleinkindern.

Schlafen – Das Topthema aller Eltern

Daran kann man ablesen, dass viele junge Paare und Alleinerziehende verunsichert sind, was die Schlafgewohnheiten ihrer Kleinen angeht. Doch woher kommt das?

Zum einen sehen sich frischgebackene Mütter und Väter auf einmal dutzenden Baby-Experten gegenüber. Sobald der neue Erdenbürger da ist, geht es schon los mit den Tipps. „Tu dies, tu jenes – und dieses auf gar keinen Fall!“ Schnell ist man von all den gut gemeinten Ratschlägen verunsichert.

Und dann stehen die völlig übermüdeten Eltern eines Tages in der Buchhandlung, um sich von einem Experten – denn der muss es ja wissen – das ultimative Geheimrezept mit Erfolgsgarantie zu besorgen.

Wer die vielen Regalmeter an Schlaf-Hilfe-Büchern durchblättert, stößt mehr oder weniger auf die immer gleiche Formel: Führt feste Zeiten ein, legt euer Kind in sein Bett und beachtet es danach nicht mehr, bis es friedlich schlummert. An diesem Punkt ist es hilfreich, das Telefon auszuschalten, das Buch zuzuklappen und sich die Frage zu stellen, wohin der eigene Kurs gehen soll.

Feste Zeiten

Es ist durchaus sinnvoll, den Tag mit seinem Sprössling zu strukturieren. Feste Zeiten können einem Baby Stabilität und Sicherheit geben. Ein dogmatischer Tagesablauf, in dem alles pünktlich auf die Minute geschehen muss, führt aber nur zu Frust. Besser ist dagegen ein flexibler Rahmen und auch mal alle Fünfe grade sein zu lassen. Denn beim nächsten Schub oder einem durchbrechenden Zahn kann schon wieder alles ganz anders sein. Die meisten Eltern werden bestätigen können, dass sich eine feste Struktur meist automatisch ergibt, sobald das Kind von einer Tagesmutter oder in der Krippe betreut wird.

Wir verraten jetzt ein Geheimnis, das eigentlich keins ist: Niemand muss schlafen lernen, auch wenn diverse Buchtitel den Anschein machen. Wenn ein Mensch müde ist, wird er sich ausruhen. Schon recht früh entwickeln auch die Kleinen einen eigenen Biorhythmus. Je besser ihr euer Baby kennenlernt, umso eher werdet ihr seine persönlichen Zeichen entdecken, die signalisieren, dass es Zeit fürs Bett ist. Wenn der Säugling sich am Ohr spielt oder die Augen reibt, könnt ihr mit ihm in eine ruhigere, abgedunkelte Umgebung wechseln. Um den ersten Geburtstag herum fangen Kinder meist an, sich selbst ein Schlaflied zu singen. Viele Eltern greifen dies auf, um ein Einschlaf-Ritual zu entwickeln. Ob ihr euch dabei für einen Song entscheidet, etwas vorlest oder euer Kind stillt, bleibt ganz euch überlassen.

Zusammen ist man weniger allein

Erwachsene schlafen am besten mit einem geliebten Menschen an der Seite. Warum sollte es einem Baby anders gehen? Das so genannte „Familienbett“ ist daher ein guter Kompromiss für einen entspannten Schlaf. Viele Paare räumen dabei ihr Schlafzimmer so um, dass an das Ehebett noch Kinderbetten angestellt werden. Auch ein Matratzenlager auf dem Boden ist eine schöne Option, da Säuglinge nicht abstürzen können und größere Geschwister es sicherlich sehr spannend finden.

Leider schrecken viele Familien vor dieser Möglichkeit zurück, oft aus Angst vor dem plötzlichen Kindstod (engl. sudden infant death syndrome, SIDS). Dabei sind die Zusammenhänge zwischen SIDS und Familienbett mittlerweile weitestgehend widerlegt. Kinder in einem eigenen Bett oder gar extra Raum schlafen zu lassen, ist eine recht moderne Entwicklung. In unserem genetischen Code ist aber immer noch angelegt, die Kinder immer in der Nähe zu haben, damit sie in einem Notfall schnell gerettet werden können. Außerdem kühlen Säuglinge, die alleine schlafen, oft schneller aus. Auch für nächtliche Still- oder Flaschenmahlzeiten bietet gemeinsame Nachtruhe viele Vorteile.

Schreien lassen

Stellt euch vor, ihr liegt im Krankenhaus mit einem Gipsbein, das es euch unmöglich macht, das Bett zu verlassen. Nachts schreckt ihr aus dem Schlaf auf, weil ihr schlecht geträumt habt. Durst habt ihr auch und dann müsst ihr eigentlich auch mal die Toilette aufsuchen… Ihr klingelt also nach der Nachtschwester. Einige Minuten vergehen, doch sie kommt nicht. Ihr klingelt erneut. Wieder nichts. Vielleicht ist die Klingel ja kaputt. Also ruft ihr nach ihr. Erst etwas zaghaft, aber dann wird euer Rufen lauter und schließlich beginnt ihr zu brüllen. Trotzdem habt ihr keinen Erfolg, die Schwester kommt einfach nicht. Ihr werdet richtig wütend, immerhin müsst ihr jetzt wirklich dringend ins Bad und die Wasserflasche steht auch zu weit weg. Ihr brüllt weiter, bis euch schließlich die Stimme versagt und ihr vor Erschöpfung einschlaft.

In der zweiten Nacht wiederholt sich das Ganze, diesmal brüllt ihr aber nicht ganz so laut und nicht ganz so lange, eure Stimme ist schon ziemlich heiser. In der dritten Nacht werdet ihr wieder wach, aber ihr versucht gar nicht erst nach der Krankenpflegerin zu rufen, denn ihr wisst jetzt, dass es zwecklos ist.

Am nächsten Morgen erzählt die Nachtschwester ihren Kolleginnen im Schwesternzimmer stolz, dass ihr jetzt durchschlaft und gar nicht mehr wach werdet, weil sie konsequent geblieben ist. Dass ihr auch in der vierten, fünften und sechsten Nacht wach werdet, bekommt sie nicht mit.

Bei der Entlassung würdet ihr euch doch bestimmt bei der Klinikleitung wegen der unmenschlichen Behandlung beschweren. Euer Baby kann das nicht. Es kann euch noch nicht anders signalisieren, was es für Bedürfnisse hat. Versucht darauf einzugehen. Ein Säugling kann nicht verwöhnt oder gar zu einem Tyrannen heran gezogen werden, wenn man seine Grundbedürfnisse nach Nahrung, Nähe oder Wärme stillt.

Auf Bedürfnisse eingehen

Der Kinderarzt Dr. William Sears, der sich für eine bedürfnisorientierte Erziehung stark macht, schreibt: „Ein Bedürfnis, das gestillt ist, verschwindet von allein.“

Das „Schlafen lernen“ ist darum ein guter Zeitpunkt, abzustecken, wo man sich als Eltern positionieren und wie man die Beziehung zu seinem Kind gestalten will. Es kann helfen, sich zu fragen, was für eigene Bedürfnisse die Erwachsenen haben, welche das Kind hat und wie man einen Kompromiss finden kann.

Die Natur hat euch dafür zwei wichtige Ratgeber mitgegeben: Euer Mutterherz und euren Instinkt. Findet für euch und eure Familie den eigenen Weg, entwickelt euren persönlichen Stil. Wenn ihr etwas nur tut, „weil man es so macht“, wird sich das an einem bestimmten Punkt für euch falsch anfühlen. Dann höret ihr sofort damit auf. Vater, Mutter und Kind sind mit der Situation glücklich? Dann bleibet dabei und ignoriert andere Ratschläge. Denkt daran, dass ihr euch nur vor einem Menschen verantworten müsst – und das ist euer Kind.

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