Die Angst vor dem plötzlichen Kindstod

Die Angst vor dem plötzlichen Kindstod

Für viele Eltern ist SIDS ein Schreckgespenst, was sie aus Sorge um ihr Baby nachts wach liegen lässt. Aber nicht jeder Säugling ist von den Risiken des plötzlichen Kindstodes betroffen.

Im Gespräch mit jungen Müttern haben wir schon öfter gehört, dass sie sich um den Schlaf ihrer Babys sorgen. Nicht nur, weil das wiederholte nächtliche Aufwachen der Kinder für die Eltern anstrengend ist. Viele junge Muttis haben Angst vor dem plötzlichen Kindstod. In Kursen zur Geburtsvorbereitung oder Ersten Hilfe für Säuglinge, aber auch in Arztpraxen, wird man vor der ständigen Gefahr gewarnt. Von vielen Fachleuten bekommt man Flyer und Informationsmaterial in die Hand gedrückt, die sich teilweise widersprechen. Darum haben wir uns näher mit dem Thema befasst, um euch die Angst zu nehmen.

SUID –  Sudden Unexpected Infant Death

Plötzlicher Kindstod, oder englisch Sudden Unexpected Infant Death, was ist das eigentlich? Bei unseren Recherchen haben wir festgestellt, dass dieser Begriff nicht immer korrekt verwendet wird. Denn eigentlich bezeichnet SUID eine Ausschluss-Diagnose der Pathologie. Wenn ein Säugling stirbt, versuchen Gerichtsmediziner, die Todesursache festzustellen. Der Begriff des plötzlichen Kindstodes wurde eingeführt, um Todesfälle zu bezeichnen, die unerwartet eintreffen und für die es keinen ersichtlichen Grund gibt. Laut Statistischem Bundesamt treten die meisten Fälle zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat auf. Mädchen sind nicht so oft betroffen wie Jungen.

Irrtümlicherweise wird plötzlicher Kindstod oft als Begriff für eine mögliche Todesart benutzt. Im englischen Sprachraum ist dann von „SIDS“ – Sudden Infant Death Syndrome – die Rede. Am Wort „syndrome“ lässt sich schon erkennen, dass plötzlicher Säuglingstod durchaus als Gruppe von Faktoren verstanden wird, die einen bestimmten Zustand hervorrufen. So wird davon ausgegangen, dass alle Fälle des Kindersterbens eine oder mehrere gemeinsame Ursachen haben müssen. Diese sind bisher nicht erforscht. Es gibt jedoch verschiedene Studien, die gemeinsame Rahmenbedingungen im Leben der Kinder festgestellt haben. Als Risikofaktoren gelten:

  • Teenagerschwangerschaften
  • Schlafen in Bauch- oder Seitenlage
  • Passivrauchen – sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt
  • Verzicht auf Stillen
  • sehr niedriges Geburtsgewicht oder Frühgeburt (vor der 33. SSW)
  • Drogenkonsum der Erwachsenen
  • Überhitzung oder ungenügende Luftzirkulation
  • Zudecken des Kopfes
  • ein Geschwisterkind, das durch den plötzlichen Kindstod starb

Als Faustregel lassen sich die drei wichtigsten Punkte zur Vermeidung von SIDS wie folgt merken: 3 mal R – Rückenlage, Rauchfrei, Richtig gebettet.

Wenn dein Kind aber schon älter ist und sich alleine auf den Bauch oder in die Seitenlage dreht, lass es so schlafen. Die Empfehlung gilt eher für kleine Säuglinge. Außerdem ist das ausschließliche Schlafen in Rückenlage nicht gut für die Formung des Hinterkopfes.

Wie schläft mein Kind richtig?

Es gibt viele Empfehlungen für die richtige Schlafumgebung der Kleinen. Dabei wird auch heftig diskutiert, ob das Schlafen im Familienbett Gefahren birgt. Gegenstimmen behaupten, dass Kind könne überrollt oder von den Eltern aus Versehen komplett zugedeckt werden, vor allem, wenn das Baby mit unter derselben Decke liegt. Eine Studie des britischen Wissenschaftlers James R. Carpenter aus dem Jahr 2013 stützt diese Theorie. Demnach hätte SIDS bei Säuglingen im Familienbett, aber ohne alle anderen Risikofaktoren, verhindert werden können.

Der deutsche Kinderarzt und Wissenschaftler Herber-Renz Polster befasste sich intensiv mit dieser Studie und zeigte einige Schwachstellen auf, wie veraltete Daten und ungenaue Auswertung. Renz-Polster vertritt die Ansicht, dass das Familienbett plötzlichen Todesfällen vorbeugen kann, vor allem bei Säuglingen mit Schlaf-Apnoe. Die Atmung des Babys reguliert sich, wenn die Mutter in der Nähe ist. Der Atemstrom passt sich dem der Mutter an.

Das Familienbett sollte aber nur praktiziert werden, wenn die Eltern keinen Alkohol, Nikotin oder illegale Drogen konsumieren. Das Kind sollte trotzdem im eigenen Schlafsack übernachten.

Von Nestchen, einem Himmel und Matratzenschonern aus Kunststoff wird ebenfalls dringend abgeraten, da es zu einer Überhitzung des Kindes kommen kann. Auch Kuscheltiere, Tücher, Kissen sowie alle Kleinteile sollten aus dem Babybett verbannt werden. Im gemeinsamen Bett sollten die Erwachsenen darauf achten, dass das Baby genug Platz für sich hat und sich nicht die Decke der Eltern über den Kopf ziehen kann. Diese Tipps sind alle hilfreich und sollten in jedem Fall beachtet werden! Trotzdem lassen sie uns etwas stutzen: Wenn ein Mensch erstickt, ist die Todesursache „Ersticken“ doch einwandfrei festzustellen. In dem Falle sollte das Ausschlusskriterium „plötzlicher Kindstod“ doch gar nicht verwendet werden. Wie hängt das zusammen?

Falsche Obduktion, falsche Zahlen

Die deutsche Wissenschaftlerin Bettina Michaela Zinka unternahm für ihre Dissertation über den plötzlichen Säuglingstod sehr viel gründlichere Obduktionen als sonst üblich. Dabei kam sie zu folgenden Ergebnissen:

  • Bei 60 % wurden pathologische Auffälligkeiten gefunden, die darauf schließen lassen, dass die Kinder nicht komplett gesund waren.
  • eindeutige Todesursache: 23 % der Kinder
  • sehr wahrscheinliche Todesursache: 13 %
  • vorsätzliche Tötung: 5 %
  • keinerlei Anhaltspunkte für die Todesursache: 5 %.

Laut Zinka sei anzunehmen, dass bei einer Nachweisbarkeit von Auffälligkeiten für 95 % der Todesfälle auch für die übrigen 5 % eine Todesursache nachweisbar sein könnte. „Diese Nachweisbarkeit übersteigt jedoch möglicherweise derzeitige diagnostische Möglichkeiten.“ Außerdem kommt sie zu folgendem Schluss: „Wichtigstes Ergebnis dieser Arbeit ist der Schluss, dass der Plötzliche Säuglingstod in der bisher diskutierten Form vermutlich nicht existiert. Wahrscheinlich handelt es sich beim SUID um den Tod eines Säuglings, der in einer (möglicherweise viralen) Infektion seinen Anfang nimmt.“

Keine Angst vor der Nachtruhe

Aus den aufgezeigten Faktoren, vor allem aus der Dissertation von Bettina Michaela Zinka, lässt sich herauslesen, dass kein gesundes Baby einfach so stirbt, sondern es immer medizinische Gründe gibt. Da werden die Mütter aus unseren Gesprächen aber aufatmen. Und auch du musst nicht mehr mit einem mulmigen Gefühl das Schlafzimmer betreten. Achte auf eine gesunde, rauchfreie Umgebung für dein Kind, um Atemwegserkrankungen zu vermeiden. Solltest du unregelmäßige Atemzüge bei deinem Säugling feststellen, sprich mit deinem Kinderarzt über Schlaf-Apnoe. Und wenn dein Herz bisher wollte, dass dein Kleines bei dir schläft, aber du zu viel Angst hattest, probier es einfach mal aus. Wir hoffen, wir konnten dir die Angst vor dem plötzlichen Kindstod nehmen und wünschen dir und deinem Baby alles Gute!

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