KiSS spaltet die Mediziner-Welt

KiSS-Syndrom – Wie alternative Heilmethoden Schreibabys helfen sollen

Das KiSS-Syndrom spaltet Mediziner und die Eltern-Netzgemeinschaft: Von den einen als ultimative Lösung für Schreikinder empfohlen, wird es von Kritikern in die esoterisch angehauchte Alternativ-Ecke abgeschoben.

Ein Schreibaby zerrt an den Nerven

Neugeborene und kleine Babys weinen oft. Manche weinen mehr, manche weniger. Aber grundsätzlich lässt sich festhalten: Neugeborene und kleine Babys weinen oft.

Dabei kann das Weinen ganz unterschiedliche Gründe haben. Oft sind Hunger, eine volle Windel, Müdigkeit oder einfach das Bedürfnis nach Nähe der Grund für ihr Weinen. Doch immer wieder liest man in Foren und Gruppen sozialer Netzwerke von verzweifelten Müttern. Ihr Baby lässt sich nur schwer beruhigen. Auch wenn die üblichen Anzeichen in Ordnung sind, hört ihr Kleines nicht auf zu schreien. Vor allem die Abendstunden werden für frischgebackene Eltern zur Qual. Oft suchen sie dann Rat im Internet: Ist mein Kind ein Schreibaby?

Kinderarzt 2.0 – Facebook-Kommentare als medizinscher Ratgeber

Diese Frage unter jungen Müttern zu stellen ist so ähnlich, wie die Büchse der Pandora zu öffnen. Dabei sind ganz unterschiedliche Beiträge zu lesen: Von „mein Kind hat nie geweint“ über„das war bei uns ähnlich und nach etwa drei Monaten war der Spuk vorbei“ bis hin zu „das würde ich medizinisch abklären lassen“, reicht die Palette.

Gerade bei den Kommentaren der letzten Kategorie fällt auch immer wieder der Begriff „KiSS-Syndrom.“ Nach genauerer Lektüre der Kommentarspalten kann man fast den Eindruck gewinnen, dass beinahe jeder Säugling darunter leidet und eine entsprechende Therapie wird als Allheilmittel gegen das abendliche Schreien angepriesen.

Doch wie immer gilt: Facebook-Kommentare sollten keine ärztliche Meinung ersetzen! Das ist ganz besonders beim KiSS-Syndrom zu beachten. Denn ob es dieses überhaupt gibt, und wie es gegebenenfalls behandelt werden sollte – darüber sind sich Mediziner nicht einig.

„KiSS“ kommt nicht vom küssen

KiSS ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung. Geprägt hat diesen Begriff der Chirurg Heiner Biedermann. Damit gemeint ist eine Fehlstellung der Halswirbelsäule bei Säuglingen. Diese kann zum Beispiel durch die Geburt verursacht werden, aber auch in Folge von Unfällen auftreten.

Verfechter des KiSS-Syndroms erkennen dieses an verschiedenen körperlichen Symptomen, die hauptsächlich den Kopf betreffen. Schiefhaltung, einseitig abgeflachter Hinterkopf, aber auch eine Kopfhalte-Schwäche seien Anzeichen für das KiSS-Syndrom. Wird es nicht behandelt, seien die Auswirkungen selbst bei älteren Kindern erheblich. So wird dem KiSS-Syndrom auch Lernschwächen oder ADS zugeschrieben.

KiSS spaltet die Mediziner-Welt

Die Schulmedizin, die ihr Wissen hauptsächlich auf Studien und klinische Untersuchungen stützt, lehnt das KiSS-Syndrom als Diagnose ab. Das Verhältnis von möglichen Ursachen und Auswirkungen auf die Wirbelsäule kann nicht nachgewiesen werden. Ebenso fehlen wissenschaftliche Untersuchungen zu den verschiedenen Therapiemethoden.

Diese sind daher nur im alternativmedizinischen Bereich zu finden. Am bekanntesten ist dabei, neben der Osteopathie, die Atlas- oder Cranio-Sacral-Therapie. Auch diese werden von der evidenzbasierten Medizin kritisch betrachtet. Die Gesellschaft für Neuropädiatrie bemerkt, dass manuelle Therapien im Bereich der Halswirbelsäule grundsätzlich nicht empfehlenswert sind, um Symmetriestörungen oder motorische Koordinationsstörungen zu behandeln.

Fazit

Ein Schreibaby wird nach der „Dreier-Formel“ klassifiziert: Es schreit mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen pro Woche über einen Zeitraum von drei Wochen. Doch auch wenn dein Kind weniger oft schreit, ist das wichtigste Kriterium der Erschöpfungszustand der Eltern. Um dir und deinem Kind zu helfen, kannst du dich an eine Schreiambulanz wenden.

Setze dich auch mit deiner Hebamme und deinem Kinderarzt in Kontakt, um medizinische Ursachen herauszufinden. Lass dich dennoch nicht von Kommentaren im Internet oder „Doktor Google“ verunsichern.

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