Attachment Parenting: Beziehung statt Erziehung

Attachment Parenting: Beziehung statt Erziehung

Familienbett, Tragetuch und Langzeitstillen – das verbinden die meisten mit Attachment Parenting. Doch dahinter verbirgt sich noch viel mehr, von dem auch Eltern älterer Kinder profitieren.

Attachment Parenting – Definition unmöglich?

Attachment Parenting (kurz: AP) bedeutet so viel wie bedürfnis- und bindungsorientierte Elternschaft. Den Begriff prägte der US-amerikanische Kinderarzt William Sears, der zu diesem Thema auch schon mehrere Bücher veröffentlicht hat.

Unter AP darf man sich keine klar definierte Erziehungsmethode mit starren Regeln vorstellen. Ein Rezept nach dem Motto „Behandel dein Kind so und so, dann wird es funktionieren“ gibt es nicht. Das ist im Prinzip schon der Kernpunkt bei AP. Im Folgenden stellen wir dir die wichtigsten Punkte vor, die AP ausmachen. Dennoch ist wichtig zu verstehen, dass Attachment Parenting für jeden etwas anderes ausmacht und bestimmte Punkte innerhalb von AP-Gruppen auch heftig diskutiert werden.

Bedürfnisse und Bindung

Attachment Parenting geht davon aus, dass jeder Mensch – und demzufolge auch jedes Kind – einzigartig in seinen Bedürfnissen ist. Manche Eltern werden feststellen, dass bestimmte Verhaltensweisen sich auf ihr älteres Kind anders auswirken als auf ihr jüngeres. Darum ist einer der Grundgedanken von AP, die Bedürfnisse immer wieder zu hinterfragen.

Artgerechte Bedürfnisse

Im Säuglingsalter ist das noch relativ einfach. Attachment Parenting knüpft dabei an Beobachtungen von Soziologen an. Der deutsche Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat dazu den Begriff „artgerecht“ im Zusammenhang mit der Kindererziehung geprägt.

Dem artgerechten Verhalten eines Babys entspricht es zum Beispiel, getragen zu werden. Jahrhundertelang haben Frauen ihre Babys den ganzen Tag am Körper getragen. Bei Naturvölkern kann man das bis heute beobachten.

Attachment Parenting will Bedürfnisse stillen

Es entspricht nicht der Natur eines Babys, alleine in einem Kinderwagen zu liegen. Dafür sprechen ganz einfache Anzeichen: Alleine kühlt das Baby aus. Wird es dagegen getragen, wärmt es sich an seiner Mutter. Nimmt man einen Säugling hoch, nimmt er automatisch eine gehockte Stellung ein. Das flache Liegen auf dem Rücken ist nicht nur unnatürlich, es kann auch körperliche Beschwerden begünstigen.

Durch das Tragen im Tragetuch werden also alle Bedürfnisse des Babys gestillt: Bedürfnis nach Wärme, Körperkontakt mit der Mutter und Sicherheit. Aus den gleichen Gründen entscheiden sich bedürfnisorientierte Eltern auch meist für das gemeinsame Schlafen im Familienbett und eine längere Stillbeziehung als die von der Industrie proklamierten sechs Monate.

Alle Bedürfnisse berücksichtigen

Doch auch hier gilt wieder: Attachment Parenting ist kein Regelkatalog. Was für die eine Familie funktioniert, geht bei der anderen gar nicht. Darum ist es wichtig, sich den zweiten Leitgedanken von AP immer wieder in Erinnerung zu rufen: Attachment Parenting berücksichtigt die Bedürfnisse aller Familienmitglieder.

Naturgemäß richten sich die Eltern im ersten Lebensjahr hauptsächlich nach den Bedürfnissen des Babys – und das ist auch ganz richtig so. Dennoch sollten von Anfang an immer wieder Bedürfnisse angesprochen und Kompromisse ausgehandelt werden. So sehr sich die Mutter das Familienbett wünscht – wenn der arbeitende Vater nachts kaum Schlaf abbekommt, ist es keine optimale Lösung. Es macht dann für einen gewissen Zeitraum durchaus Sinn, dass der Vater das gemeinsame Bett verlässt. Attachment Parenting fordert dich so immer wieder neu heraus, eigene Wege für dich und deine Familie zu finden.

Regeln und Bestrafungen – Grenzen und Konsequenzen

Das kann ohne Frage ziemlich anstrengend sein, aber für AP-Eltern ist dieser Weg eine Herzenshaltung. Diese wird oft unter dem Schlagwort „Beziehung statt Erziehung“ zusammengefasst.

Attachment Parenting will Eltern ermutigen, Kinder in ihrer Einzigartigkeit anzunehmen. Das Kind soll nicht verbogen werden, damit es in eine Schublade passt. Kategorisierungen wie „Jetzt sei aber lieb und benimm dich!“ finden bei AP keinen Platz. Daraus ergibt sich auch die Einstellung zu Regeln und Strafen, die auf Außenstehende meist etwas befremdlich wirkt.

Regeln und Grenzen bei Attachment Parenting

AP-Eltern kommen meist mit sehr wenig Regeln aus. Auch hier liegt wieder der Gedanke zu Grunde, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berechtigt sind und sich in den Absprachen wiederfinden sollen. Daher werden Regeln mit dem Kind zusammen aufgestellt.

Meist beruhen diese auf Grenzen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul beschäftigt sich in seinen Büchern hauptsächlich mit diesem Thema. Sein oberstes Credo lautet, dass man als Eltern stets authentisch sein soll. Man soll dem Kind klar verdeutlichen, wo die eigenen Grenzen verlaufen. So können die Kleinen sich an ihnen entlang orientieren. Grenzen und Regeln sollen nach Attachment Parenting ein Geländer sein, keine Zwangsjacke.

Bestrafungsmechanismen

Beim Aufstellen von Regeln arbeiten viele Eltern mit willkürlichen Strafen. Ein paar Beispiele dazu: „Wenn du nicht still sitzt, gehst du sofort ins Bett!“ Oder bei älteren Kindern: „Wenn du dich nicht benimmst, dann kriegst du Fernsehverbot!“

Warum sind diese Aussagen nicht mit Attachment Parenting vereinbar? Zum einen wird mit diesen Sätzen assoziiert, dass das Kind bewusst etwas Falsches macht und eine Regel bricht. Diese Regel wurde zumeist vorher von den Eltern willkürlich festgelegt: Du musst still sitzen. Du musst dich benehmen. Attachment Parenting würde hier fragen: Warum sollte das Kind still sitzen? Was heißt „sich benehmen?“

Attachment Parenting berücksichtigt die Entwicklung

Außerdem werden die verschiedenen Entwicklungsstufen eines Kindes betrachtet. Oft unterstellen Eltern ihren Kindern, sie wären absichtlich „böse“ oder würden Regeln bewusst ignorieren. Dabei wissen wir heute, dass solche Entwicklungen im Hirn erst heranreifen müssen. Bis zur Pubertät kann kaum ein Kind die volle Tragweite seiner Handlungen erfassen oder überhaupt so komplexe Gedankengänge verknüpfen, die eine bewusste Verweigerung überhaupt möglich machen.

Kinder agieren noch viel mehr nach ihren Trieben und Bedürfnissen. Jesper Juul formuliert das so: „Kinder wollen immer kooperieren.“ Auch Herbert Renz-Polster erkennt das im kindlichen Verhalten. Ihm zufolge liegt das im Urinstinkt begründet, nach dem Kinder sich um jeden Preis an ihre Eltern halten, um Schutz zu finden.

Konsequenzen statt Strafen

Doch zurück zum eigentlichen Punkt, den Strafen. Attachment Parenting will auf Strafen verzichten, weil es hinter jeder Handlung der Kleinen den Ausdruck eines Bedürfnisses erkennt. Das Kind aus dem Beispiel oben will vielleicht nicht still sitzen, weil ihm langweilig ist und es einen natürlichen Bewegungsdrang hat. Statt es jetzt mit dem Zubett-Gehen zu bestrafen, kann ihm eine Handlungsalternative angeboten werden: Eine Runde um den Tisch flitzen, etwas malen oder mit Papa ein Buch ansehen.

In manchen Fällen ist es wichtig, dem Kind die Konsequenzen aufzuzeigen. Doch dabei soll es sich nicht einfach um einen Euphemismus für Bestrafungen handeln. Die Konsequenz von „nicht still sitzen“ ist einfach, dass das Kind sich bewegt. Vielleicht fühlen wir uns als Erwachsene von dem Gezappel genervt, das ist aber in erster Linie unser Problem. Daher müssen wir es für uns lösen, unseren Umgang mit der Situation reflektieren und nicht das Kind bestrafen.

Attachment Parenting will gewaltfrei sein

Jedes Kind hat das Recht auf körperliche und emotionale Unversertheit. Dazu zählen also nicht nur körperliche, sondern auch verbale und psychische Gewalt. Attachment Parenting macht diesen Punkt sehr stark. Doch wie sieht es dann aus mit Zwängen und der Erfüllung von Wünschen?

Zwänge

Kinder sollen auch möglichst frei von Zwängen aufwachsen. Das ist bei einem wütenden Kleinkind, dass sich nicht anziehen will, oft eine ganz schöne Herausforderung. Vor allem, wenn ein wichtiger Termin im Nacken sitzt oder der Zug gleich abfährt. Auch die Gabe von Medikamenten ist so eine Gratwanderung.

In solchen Fällen ist es wichtig, viel mit dem Kind zu reden. Die Situation zu erklären und Ruhe bewahren ist das oberste Gebot der Stunde. Doch manchmal kommen in uns selbst schlechte Gefühle hoch. Wir werden wütend und frustriert. Vielleicht erinnert uns die Situation an Szenen aus der eigenen Kindheit. Hier versucht Attachment Parenting, mit Strategien aus der Konfliktlösung zu arbeiten. Dazu gehört zum Beispiel, sich aus der Situation zu ziehen und zwei Minuten im Nebenzimmer zu verschnaufen.

Doch trotz allem, manche Sachen müssen sein. Der Zug wartet nicht auf die Eltern mit eigensinnigem Kleinkind. Hier versuchen AP-Eltern, sich nicht auf einen Machtkampf einzulassen. Schon so manches Kind wurde daher nur im Schlafanzug im Kindergarten abgegeben. Eine logische Konsequenz aus „Ich will mich nicht anziehen.“

Wünsche

„Euer Kind wird euch noch mal auf der Nase herum tanzen!“ Gäbe es ein Attachment Parenting Bullshit-Bingo, wäre dieser Satz auf jeden Fall dabei. Was viele Kritiker nicht verstehen können: Genau das wollen AP-Eltern. Ein Kind, das möglichst autonom wird und lernt, sich und seine Bedürfnisse zu erkennen und sie zu artikulieren. Der Nachwuchs soll sich schon früh abgrenzen können und deutlich machen: „Nein, das möchte ich nicht!“

Darüber hinaus ist es nicht so, dass der Sprössling der King in der Familie ist. Attachment Parenting versteht die Familie als anti-autoritär in dem Sinne, dass Entscheidungen gemeinsam und demokratisch getroffen werden. Dennoch unterscheiden die Eltern klar zwischen Wünschen und Bedürfnissen. So kann zum Beispiel der Wunsch des Kindes sein, dass es beim Essen eine Folge Peppa Wutz sehen will. Das kann mit dem Bedürfnis der Eltern nach Ruhe am Feierabend kollidieren. Hier können Kompromisse gefunden werden: Die Folge wird auf die Zeit nach dem Essen verschoben oder vorgezogen. Alles in allem dürfen Eltern aber Wünsche auch ablehnen und das genauso formulieren.

Dennoch sollte nicht jeder Wunsch abgeschlagen oder das Ganze  erpresserisch formuliert werden. „Du kriegst das Eis nur, wenn…“ – hier setzt schon wieder ein Strafmechanismus ein. Diese Manipulation ist auch eine Form psychischer Gewalt.

Gewaltfreie Kommunikation und verbalisieren

Kommunikation ist ein wichtiger Baustein der bedürfnisorientierten Erziehung. Viele Eltern übernehmen dabei Methoden der gewaltfreien Kommunikation (GFK). Diese verzichtet nicht nur auf verletzende Aussagen, wie der Name vielleicht vermuten lässt. Gewaltfreie Kommunikation eignet sich ganz hervorragend, den Bedürfnissen und Reaktionen von Menschen auf den Grund zu gehen.

Gefühle benennen und ihnen Raum geben

Um den Kleinen die Möglichkeit zu bieten, sich auszudrücken, üben AP-Familien das sogenannte Verbalisieren. Dabei werden vom Erwachsenen die Gefühle des Kindes benannt. So lernen die Kleinen, diese einzuordnen und auszudrücken. Wie wichtig das ist, erkennen wir an unseren Freunden und Bekannten, die nicht über ihre Gefühle sprechen können. Vielleicht geht es uns selbst auch so. Viele Menschen haben nie gelernt, ihre Gefühle zu erkennen und einzuordnen. Hier versucht Attachment Parenting, Hilfe zu leisten.

Dazu noch einmal das Beispiel von oben: Die Mutter muss zum Zug, aber das Kind will sich partout nicht anziehen lassen. Es schreit wie am Spieß und weint. Vielleicht schlägt es auch um sich, wenn die Mutter ihm nahekommt. Sie könnte wie folgt reagieren:

„Ich sehe, dass du wütend bist. Du willst dich nicht von mir anziehen lassen. Das ist okay. Ich muss jetzt aber wirklich zum Zug. Das ist wirklich wichtig. Möchtest du dich alleine anziehen?“

Wenn das Kind verneint, besteht immer noch die Möglichkeit, es im Auto anzuziehen. Oft ändert sich auch die Stimmung des Kindes, wenn man einmal aus der Wohnung ist. Oder es erkennt die Wichtigkeit der Winterjacke erst, wenn es im Schneegestöber auf der Straße steht. Das gehört zum Entwicklungsprozess der Kleinen dazu und dieses Ausprobieren ist nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil.

Auch für Erwachsene wichtig

Oft müssen wir Eltern erst selber lernen, über unsere Gefühle zu sprechen. Das können wir mit unseren Kindern gemeinsam tun. Um sich abzugrenzen, ist es wichtig, dass Eltern sagen können: „Ich möchte nicht, dass du mich haust. Das tut mir weh. Es macht mich wütend und traurig.“

Achte hierbei aber darauf, dass du klare Ich-Botschaften sendest, ganz nach GFK. Wenn du deine Ansagen in Du-Botschaften formulierst, lädst du deinem Gegenüber die Verantwortung auf, anstatt über deine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Das hilft übrigens auch bei Diskussionen mit dem Partner.

Weiterführende Literatur mit Themen rund um Attachment Parenting

 

2 Gedanken zu “Attachment Parenting: Beziehung statt Erziehung

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